Wo potenziell was los ist: Netzwerkorgansiationen

Was ist eine Netzwerk-Organisation? Was sind die Unterschiede zu einer herkömmlichen Organisation, einem Unternehmen, einer Arbeitsgemeinschaft oder dem Markt? Was können Netzwerke besser als andere Formen der Organisation oder Kooperation? Welche besonderen Herausforderungen haben Netzwerke zu lösen?

Um solchen Fragen ging es auch in meinem Vortrag auf dem Solutionscamp der SAH (Software-Allianz Hamburg) letzte Woche. Auch die SAH versteht sich als Netzwerk von Unternehmen. Was heißt das eigentlich?

Netzwerkorganisationen sind wie Wohngemeinschaften

Zwei bekannte Beispiele für Netzwerkorganisationen sind die schon erwähnte SAH, der eine oder andere kennt aber vielleicht auch die Star Alliance (genau, die mit der Lufthansa). Die Star Alliance kommt übrigens angeblich mit nur 4 Seiten Vertrag aus.

Auf den ersten Blick sind Netzwerkorganisationen wie Wohngemeinschaften:

  • Man wohnt zusammen um Kosten zu sparen und Ressourcen zu teilen.
  • Jeder führt sein eigenes Leben.
  • In der Küche trifft man sich zu interessantesten Gesprächen.

Dabei muss man nicht befreundet sein, aber weil jeder die Eigenheiten der anderen kennt wird alles berechenbarer. Und was die Menschen verbindet ist eher ihre Unterschiedlichkeit.

Bevor ich tiefer einsteige jetzt erst mal eine Abgrenzung von anderen Organisationsformen im Wirtschaftsleben, vor allem dem Markt und dem Unternehmen.

Netzwerk-Markt-Unternehmens-Organisation[1]

 

Abgrenzung Markt vs. Unternehmen

Märkte basieren auf Verträgen, d.h. auf formalisierten Tauschbeziehungen. Die Akteure treffen aufeinander und schließen Verträge. An der Börse geht das oft automatisiert und sehr schnell, anderswo gibt es langwierige Verhandlungen um Vertragsformulierungen und Konditionen. Generell wird auf dem Markt immer wieder alles neu verhandeln und vertraglich vereinbart. Es existieren wenig Abhängigkeiten zwischen den Akteuren. Märkte sind deswegen dynamisch und flexibel.

Anders in Organisationen, also bspw. Unternehmen. Die pyramidenförmige Form der Linienorganisation kennen wir alle. Ein Anwendungsfall für Unternehmen ist seit Frederik Taylor die Organisation von Produktion. Das läuft vor allem dann gut, wenn Aufgaben blindlings über Anweisungen realisiert werden können. Speziell bei Wissensarbeit passt dies weniger gut, den dort geht es eher um die Organisation von Kommunikation.

Organisationen sind Formalisierungen sozialer Kooperationsbeziehungen. Dadurch muss nicht immer alles neu vertraglich verhandelt werden, was Transaktionskosten spart.

Wie lassen sich Märkte und Unternehmen noch unterscheiden?

  • Konfliktbewältigung: Im Markt wird gefeilscht, man steigt aus Angeboten aus oder man trifft sich vor Gericht, um Verpflichtungen einzufordern. In der Linienorganisation von Unternehmen hingegen werden Konflikte mit mehr oder weniger subtilen Anweisungen, Befehlen, Kontrollen und Drohungen geregelt.
  • Abhängigkeiten: Im Markt sind die Akteure generell unabhängig von einander und nur fallweise (bei Vertragsschluss) gehen sie bestimmte Abhängigkeiten ein. In Organisation existiert eine einseitige Abhängigkeit entlang der Hierarchie von oben nach unten, die mit generellen Verpflichtungen einhergeht, die über den Arbeitsvertrag kündbar sind.
  • Steuerungsmedium: Im Markt ist dies das Geld. In Organisationen ist dies die Macht.
  • Kommunikationsmedium: Im Markt ist dies der Preis. In Organisationen sind dies die hierarchische Position, der Status einer Rolle oder Person und die herrschenden Regeln.

Das Markt und Unternehmen Alternativen sind, merkt man an diesen Unterscheidungen: Was in dem einen funktioniert und gilt, funktioniert im anderen nicht:

  • Die einen tauschen, die anderen kooperieren.
  • Die einen feilschen, die anderen geben Anweisungen.
  • Bei den einen wirkt Geld, bei den anderen Macht.

Insofern können Organisationen und Märkte auch als Alternativen betrachtet werden. Wobei Organisationen wiederum Akteure in Märkten sind.

Nach der Unterscheidung von Märkten und Unternehmen nähere ich mich nun der Netzwerkorganisation.

Was sind denn nun Netzwerkorganisationen?

Ein Netzwerk grenzt sich gegenüber einem Markt dadurch ab, dass Anbieter und Produzenten sowohl in Kooperations- als auch in Konkurrenzsituationen stehen. Die Marktmechanismen werden durch die Gleichzeitigkeit von Kooperations- und Konkurrenzbeziehungen verändert und erweitert. Netzwerke besitzen Eigenschaften von traditionellen Märkten, als auch von traditionellen hierarchischen Organisationen, unterscheiden sich andererseits aber auch von diesen.

Als Informatiker haben wir natürlich eine Vorstellung von einem Netzwerk als ein Gebilde aus Knoten und Kanten. Ich werde jetzt aber etwas soziologischer und wage folgende Definition:

Eine Netzwerkorganisation ist ein Netzwerk, deren Mitglieder

  • eine Menge von Prinzipien und Werten teilen,
  • nur lose miteinander verbunden sind und
  • sich wiederholt, temporär und in variierende Zusammensetzungen zu bestimmten gemeinsamen Handlungen zusammenfinden.

Lose Kopplung

Mit „lose miteinander verbunden“ ist hier gemeint, dass ein Netzwerk eine Menge möglicher konkreter Beziehungen darstellt. Die Mitglieder bilden ein Ganzes, aber nicht alle Mitglieder untereinander kennen sich. Und nicht alle haben konkrete Arbeitsbeziehungen zueinander. Und selbst wenn sich wieder die gleichen Partner zusammenfinden, dann möglicherweise in anderer Aufgabenverteilung.

Sich kennen ist relativ

Jedes einzelne Mitglied kennt mindestens einige andere Mitglieder (Kontakte 1. Grades), viele andere Mitglieder aber eben auch nicht bzw. nur indirekt (Kontakte 2. und höheren Grades). Die Beziehungs- und Bindungsstärke zwischen Mitgliedern nimmt im Laufe der Zeit immer mehr ab, wenn sie sie nicht durch gemeinsamen Handlungen auffrischen. Insofern ist die Unterscheidung nach Kontakten 1. bis n. Grades von eher geringer Bedeutung, da “sich kennen” relativ ist und sehr unterschiedlicher Qualität sein kann.

Der Unterschied macht es

Da in Projekten meistens bestimmte unterschiedliche Fähigkeiten benötigt werden und diese nicht immer vollständig aus dem Netzwerk rekrutiert werden können (weil sie dort nicht vorhanden sind oder gerade keine Zeit haben), erweitern sich Netzwerke regelmäßig. Ein Netzwerkmitglied bringt ein neues Mitglied ein, dass er aus anderen Kontexten (Netzwerken) kennt. Ein Mitglied, das viele Kontakte außerhalb eines Netzwerkes hat, ist für dieses Netzwerk deswegen in der Regel wertvoller, als solche, die nur innerhalb des aktuelles Netzwerkes Kontakte haben. Fähigkeiten und Beziehungen sind die Währung im Netzwerk. Deutlich wird damit aber auch, dass die Grenzen eines Netzwerkes und seine Zugehörigkeiten ggf. nicht nur vage sind, sondern auch noch dynamisch bzw. instabil.

Die Mitglieder treten wiederkehrend aus latenten (schlafenden) in aktive Beziehungen zueinander ein, mit denen sie ihre Beziehungen auffrischen, vertiefen und auch neue Netzwerkmitglieder kennen lernen. Eine aktive Beziehung bzw. deren Aktualisierung und Auffrischung entsteht durch gemeinsame Handlungen, bspw. die Sondierung oder Abgabe eines Angebotes, die Durchführung eines gemeinsamen Projektes oder die Unterstützung eines Netzwerkpartnern.

Netzwerke sind Plug-and-Play-Organisationen

Während Markt und Unternehmen alternative Formen sind, sind Netzwerke weder zur Organisation noch zum Markt eine Alternative. Ein Netzwerk bedient sich beider Mechanismen. So als eine Art Plug-and-Play-Organisation. Prinzipiell lose Kopplung mit fallweise fester Kopplung.

Im folgenden möchte ich die Netzwerkorganisation jetzt in die oben schon benutzten Unterscheidungen einordnen:

  • Konfliktbewältigung: Attraktive Angebote machen, Einladungen, Reputation. Der wichtigste Sanktionsmechanismus ist, Beziehungen nicht zu aktualisieren, d.h. keine erneute Zusammenarbeit.
  • Abhängigkeiten: Netzwerke sind ohnmächtige Systeme, es gibt dezentrale und temporär Ermächtigungen und wechselseitige Abhängigkeiten.
  • Steuerungsmedium: In Netzwerken geht es ums Können innerhalb der gemeinsamen Handlungen.
  • Kommunikationsmedium: In Netzwerken sind Beziehungen sind eine Ressource. Neben Beziehungen sind Verrechnungspreise und temporalisierte Positionen und Routinen relevant.

Im hierarchischen System kennt und steuert ein Zentrum über vertraglich geregelte Machtbeziehungen alle peripheren oder vertikalen Einheiten, die sich horizontal untereinander oft wenig kennen und die horizontal keine oder nur bedingt vertraglich geregelte Macht übereinander besitzen. Vertragliche Beziehungen in diesem Zusammenhang sind z. B. Arbeitsverträge, Werkverträge, Dienstleistungsverträge, Vereinbarungen in Matrixorganisationen. Neben den vertraglich geregelten existieren informelle, aber deswegen nicht weniger wirksame, Macht- und Beziehungsstrukturen. In Netzwerken sind alle Beziehungen vorwiegend informeller Art und formalisieren sich nur temporär in ihren Hotspots, Aktivitätspunkten und Projekten.

Zwischen den einzelnen Mitgliedern eines Netzwerks gibt es meistens nur wenige und grundlegende formale und vertragliche Regeln/Beziehungen. Warum auch? Es sind vor allem die Aktivitätspunkte, aus denen sich weitergehende vertragliche Beziehungen ergeben, bspw. Projekte, BGB-Gesellschaften o. Ä. Strukturell ist ein Netzwerk keine Hierarchie, sondern eher eine Heterarchie, d.h. Über- und Unterordnungsverhältnisse werden durch dezentrale Selbststeuerungsmechanismen ersetzt. Die Mitglieder bleiben weitgehend autonom. Ist eine Hierarchie das Management des Mächtigen ist die Heterarchie ein Management von Nachbarn und Kollegen.

Zusammenfassung

Abschließend eine Zusammenfassung der Unterschiede:

Netzwerk-Organsiation-Eigenschaften[1]