Spannend: Die integrative Entscheidungsfindung

Im Blogbeitrag „Konsultativer Einzelentscheid: was und warum?“ hatte ich zur Abgrenzung auch den Konsent als Entscheidungsverfahren genannt und erwähnt, dass es beim Konsent auch darum geht, dass die Personen mit einem Einwand auch konstruktive Beiträge dazu leisten, eine einwandfreie Lösung zu entwickeln.

In diesem Blogbeitrag möchte ich die Vorgehensweise dazu, wie sie in holokratischen und soziokratischen Kontexten bekannt ist, näher skizzieren.

Unsere Erfahrung hat gezeigt, dass möglichst ein in den Entscheidungskontext inhaltlich nicht involvierter Moderator durch den Prozess führen sollte und dies auch relativ präzise.

Vorschlagsvorstellung

Zuerst braucht es natürlich eine Person die einen Entscheidungsvorschlag hat und diesen vorstellt.

Verständnisklärung

Erst im Anschluss stellen die Teilnehmer Verständnisfragen. Jeweils nur eine Frage zur Zeit, die immer direkt beantwortet wird (ggf. auch mit „weiß ich nicht“), bevor die nächste Frage kommt. Und nur echte Verständnisfragen, keine Reaktionen, Diskussionen oder (versteckten) Wertungen.

Reaktionsrunde

Danach bekommt der Reihe nach jeder Teilnehmer (außer dem Vorschlagenden) die Möglichkeit, sich zu äußern wie es ihm mit dem Vorschlag geht inkl. nicht-sachlicher Reaktionen. Der Moderator sorgt dafür, dass der Reihe nach gesprochen wird und keine Diskussion entsteht. Hier helfen die klassischen Feedbackregeln und die Konzentration auf Ich-Botschaften.

Nachbesserung

Jetzt ist nur der Vorschlagende wieder an der Reihe (also wiederum keine Diskussionen), der die Reaktionen durch weitere Erklärungen oder schnelle Änderungen des Vorschlages parieren kann.

Einwandsammlung

Der Moderator fragt jeden Teilnehmer der Reihe nach, ob und welchen sachlich begründeten Einwand er ggf. hat und notiert diese an einem Flipchart. Fragen und Diskussionen sind auch hier nicht vorgesehen. Ein Einwand verhindert die Akzeptanz des Vorschlages. Gibt es keinen Einwand, gilt der Vorschlag als akzeptiert.

Integrationsrunde

Der Moderator sucht sich in freiem Ermessen einen Einwand heraus und bringt vorrangig, aber nicht ausschließlich, die beiden Parteien, den Vorschlagenden und den Einwandgebenden, ins Gespräch darüber, wie die Lösung verändert werden könnte, dass der aktuell behandelte Einwand sich auflöst. Jeder, gerade aber auch der Einwandgebende, ist aufgefordert, Änderungsvorschläge einzubringen. Der Einwandgebene muss immer prüfen, ob sich sein Einwand aufgelöst hat. Der Vorschlagende prüft, ob sein Anliegen mit dem neuen Vorschlag noch abgedeckt wird. Sobald der aktuelle Einwand aufgelöst werden konnte, leitet der Moderator zum vorigen Schritt zurück und fragt erneut die Einwände ab. Anschließend beginnt eine neue Integrationsrunde.

Lässt sich ein Einwand nicht auflösen und gibt es keine weiteren Ideen zur konstruktiven Weiterentwicklung der Lösung, gilt der Vorschlag als abgelehnt.

Die Kunst bei diesem Verfahren liegt darin, sowohl den Spannungen, die den Initiator zum Lösungsvorschlag getrieben haben, Raum und Würdigung zu geben, als auch den Einwänden.  Dabei wird versucht, immer auf genau einen Einwand zur Zeit fokussiert zu arbeiten und nicht verschiedene Einwände zu vermischen oder in unstrukturierte Diskussionsrunden abzugleiten.